30 Jahre Engagement zur Abfallvermeidung

Die Vorreiterfunktion engagierter Initiativen

Endlich ist die Abfallvermeidung en vogue. Das würdigt all die vielen engagierten Personen, die sich seit über 30 Jahren für eine Vermeidung von Abfällen einsetzen und eingesetzt haben. Bereits nach der so genannten „Energiekrise“ 1973 entstanden nach und nach Umweltzentren und Umweltinstitute. Auch viele Einzelkämpfer engagierten sich. Christian Kuhtz beispielsweise gibt seit den 1970er Jahren Anleitungen zum Selbstbau von Anlagen aus Altgeräten in seiner Broschürenreihe mit dem Titel „Einfälle statt Abfälle“ heraus. Dieser Slogan wurde und wird von vielen Akteuren für unterschiedliche Projekte mit dem Ziel Abfälle zu vermeiden und/oder zu verwerten verwendet. Im Oktober 1983 fand der erste alternative Müllkongress „Leben ohne Müll“ in Berlin statt. An diesem Kongress nahmen über 200 Personen von Müll- und Recyclinginitiativen aus ganz (West)Deutschland teil. Auf dieser Veranstaltung wurde das Institut für ökologisches Recycling (IföR) gegründet. Das IföR-Institut veranstaltete jahrelang die monatlich stattfindende Vortragsreihe „Alternativen zum Müll“ und organisierte bundesweite Kongresse zur „Ökologischen Abfallwirtschaft“. Dabei standen Ansätze und Möglichkeiten Abfälle zu vermeiden im Mittelpunkt. 1988 gab das IföR-Institut die Null-Nummer der bis 2009 herausgegebenen Fachzeitschrift „MüllMagazin“ heraus. In den 1990er Jahren war auch die Bürgerinitiative „Das bessere Müllkonzept“ sehr aktiv. Ihr Anliegen war es, den Bau von Müllverbrennungsanlagen zu verhindern. Die Mitglieder verwiesen darauf, die Abfälle zu vermeiden und den anfallenden Abfall zu verwerten. Einige Kommunen überzeugten die Argumente und sie versuchten mit Einwegverboten, -steuern und -abgaben Abfälle zu vermeiden. Dabei kam ihnen das 1986 in Kraft getretene Abfallgesetz zugute, es verlangte die Einrichtung von Abfallberatungen in den Kommunen. Etliche Kommunen gaben Abfallfibeln heraus und initiierten abfallarme Straßenfeste und Umweltwettbewerbe zur Abfallvermeidung. Auch wurde versucht, auf den Handel einzuwirken, so z. B. durch das Projekt „Mini-Müll“ in Hamburg. In der Zeit von 1988 bis 1993 hatte das Thema „Abfallvermeidung“ auf Initiativebene vermutlich seinen Höhepunkt. Mehrere „Alternative Abfallkonzepte“ wurden erstellt und eine Tagung nach der anderen befasste sich mit diesem Thema. Es wurden Studien und Bücher veröffentlicht. So die umfangreiche Studie zur Abfallvermeidung von Haushaltsabfällen vom Büro für Technikfolgenabschätzung und das Abfallvermeidungskonzept mit Modellversuch von der Ingenieurgemeinschaft Witzenhausen (IGW). Das Öko-Institut präsentierte das Buch „Abschied vom Müll“ und Werner Schenkel vom Umweltbundesamt formulierte die Möglichkeiten und Grenzen der Abfallvermeidung in seinem Buch „Recht auf Abfall?“. Walter Stahel vom Schweizerischen Institut für Produktdauerforschung befasste sich mit der Nutzungsverlängerung von Produkten und fokussierte seine Position in dem Buch: Die Performance-Gesellschaft. Seit der Jahrtausendwende machen neue und alte Projekte auf sich aufmerksam, die sich um „Produktverantwortung“ und um einen neuen Lebensstil bemühen. Flohmärkte, Secondhand-Läden, Gebrauchtwaren-Projekte erfahren ein Comeback. Es entstehen „Umsonstläden“ und Gebrauchtwarenkaufhäuser. In Berlin gründete sich im Frühjahr 2006 das Projekt „Kunst-Stoffe“, eine zentrale Stelle für wiederverwendbare Materialien. 2008 erhielt das Projekt NUTZbar, ein Projekt zur Förderung einer Werterhaltungskultur durch Weiterverwendung von Gebrauchsgegenständen vom Moabiter Ratschlag den Umweltpreis von Berlin-Mitte. Im gleichen Jahr wurde die Ausstellung „Re-Design – wunderbare Produkt-um-Gestaltung“ im Stadtschloss Moabit eröffnet. Vor allem in so genannten „kreativen Kreisen“, unter Künstlern und Designern, hat sich der Umgang mit Wegwerfprodukten sehr verbreitet. Es geht darum, dass viele Menschen gar nicht mehr den Wert der Dinge erkennen, die sich um sie herum befinden. Die Kreativen zeigen, wie schön, wie wertvoll, wie nutzbar Dinge sind oder sein können, die die meisten Verbraucher wegschmeißen würden. „Re-Design“ gilt als Kunst, aus vermeintlich Wertlosem etwas Wertvolles zu gestalten. Inzwischen gibt es eine neue Konsumentengeneration, die mit LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) bezeichnet wird. Diese Menschen betreiben einen Lebensstil, der sich um Gesundheit und Nachhaltigkeit zentriert. Neue Werte, neues Bewusstsein, die Bedürfnisse der Menschen richten sich nach innen; eine Umkehr der Lebensweise nach Selbstkenntnis, nach Stressfreiheit und Entschleunigung, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Beständigkeit wird angestrebt. Einige Menschen wurden von Bea Johnsons angeregt, die in Amerika zeigte, dass man auch ohne Abfall glücklich leben kann. Hier in Kiel ist es z.B. die Familie Delaperrière, die es in den vergangenen Jahren geschafft hat, ihren Verpackungsabfall um über 95 Prozent zu vermeiden. Bleibt zu hoffen, dass sich ein solcher Lebensstil immer weiter durchsetzt, so dass zunehmende Abfallberge der Vergangenheit angehören.

Dr. Norbert Kopytziok

Dr. Norbert Kopytziok

Umweltwissenschaftler
Gründungsmitglied von Zero Waste Kiel e.V.