Die Stadt Kiel gehörte zu den Pionierinnen unter den in Europa als Zero-Waste-Städte zertifizierten Kommunen. Diese Zertifizierung steht für das verbindliche politische Engagement einer Stadt, konkrete, messbare und zeitlich definierte Schritte zur Reduzierung der Abfallmengen zu unternehmen – insbesondere zur deutlichen Verringerung des Restmüllaufkommens (Graue Tonne).
Die langfristigen Ziele wurden in der Zero-Waste-Strategie der Stadt Kiel (2020) festgelegt: Demnach soll die Gesamtabfallmenge pro Kopf und Jahr bis 2035 um 15 % reduziert werden. Gleichzeitig ist vorgesehen, die Menge der Haus- und Geschäftsabfälle um 50 % auf durchschnittlich 85 kg pro Kopf und Jahr zu senken. Langfristig wird ein Aufkommen von weniger als 50 kg pro Kopf und Jahr angestrebt.
Zur Erreichung dieser Ziele dient der Zertifizierungsprozess als strukturierende und begleitende Unterstützung. Er definiert klare Kriterien, fördert die Festlegung verbindlicher Zwischenziele und ermöglicht ein kontinuierliches Monitoring anhand geeigneter Indikatoren. Diese beziehen sich sowohl auf technische Aspekte des Abfallmanagements als auch auf eine strukturierte und fortlaufende Kommunikation mit den Bürger:innen. Ziel ist es, eine breite Identifikation mit der städtischen Zero-Waste-Politik zu schaffen und eine aktive Mitwirkung an deren Umsetzung zu ermöglichen.
Die Erarbeitung der Zero-Waste-Strategie in den Jahren 2019–2020 sowie die anschließende Zertifizierung nach ersten Umsetzungsschritten im Jahr 2023 verschafften der Stadt Kiel europaweit – und sogar weltweit – große Anerkennung. So wurde Kiel unter anderem als Best-Practice-Beispiel vom World Economic Forum hervorgehoben. Diese Anerkennung würdigte insbesondere den politischen Mut der Stadt, sich konsequent der Abfallvermeidung und dem Schutz natürlicher Ressourcen zu widmen.
Nun hat die Stadt zur Abstimmung gestellt, auf die weitere Zertifizierung zu verzichten, da sie aus ihrer Sicht keinen zusätzlichen Mehrwert bietet und die Abfallreduzierung auch ohne Zertifikat weiterverfolgt werden könne. Als zentrales Argument werden die Kosten der Zertifizierung angeführt. Dabei bleibt jedoch unberücksichtigt, dass diese Kosten eine Vielzahl von Leistungen umfassen, darunter fachliches Mentoring durch externe Expert:innen, begleitende Unterstützung sowie die Durchführung unabhängiger externer Audits.
Diese Einschätzung teilen wir nicht. Aus Sicht des Zero Waste Kiel e. V. birgt der Verzicht auf das Alleinstellungsmerkmal „Zero Waste Certified City“ die erhebliche Gefahr, bereits erzielte Fortschritte im Rahmen der beschlossenen Zero-Waste-Strategie zu entwerten, bestehende Synergien und fachliche Kompetenzen aufzugeben und sich schrittweise von der notwendigen Verbindlichkeit bei der Umsetzung der Maßnahmen und der Erreichung der Hauptziele zu entfernen. Zertifizierung wirkt wie ein Katalysator – ohne sie verlangsamt sich der Prozess deutlich.
Unabhängig von der Entscheidung über die Zertifizierung werden wir uns auch weiterhin als zivilgesellschaftliche Organisation dafür einsetzen, die Stadt auf dem Weg zu konkreten, messbaren Ergebnissen in der Abfallvermeidung zu unterstützen und kritisch-konstruktiv zu begleiten.
Drucksache 0055/2026 /Hier ist unser erster offener Brief dazu.